Human Centric Lighting (HCL) stellt den Menschen und seine biologischen, emotionalen und visuellen Bedürfnisse in den Mittelpunkt der Beleuchtung. Es ist ein neues Verständnis von Licht: Es geht nicht mehr nur um Helligkeit und Energieeffizienz, sondern um die gezielte Unterstützung von Wohlbefinden, Gesundheit und Leistungsfähigkeit.
Human Centric Lighting (HCL) verbindet lichttechnische Planung mit physiologischen Erkenntnissen, um künstliches Licht gezielt an den natürlichen Tagesrhythmus anzupassen. Für Elektriker, Lichtplaner und Anwender bedeutet dies ein Umdenken: Weg von rein statischen Beleuchtungskonzepten, hin zu dynamischen Lösungen, die visuelle, emotionale und biologische Lichtwirkungen gleichermaßen berücksichtigen. Grundlage dafür sind ein strukturierter Planungsprozess, geeignete Leuchten- und Steuerungssysteme sowie ein Betrieb, der die geplanten Lichtszenen dauerhaft sicherstellt.
Die Planung eines HCL-Systems beginnt mit einer Bedarfsanalyse. Dabei werden Sehaufgaben, Raumgeometrie, vorhandenes Tageslicht, Oberflächenreflexionen und Nutzergruppen systematisch erfasst. Da Licht immer gleichzeitig visuell, emotional und biologisch wirkt, muss die Planung diese Wirkebenen von Beginn an integrieren. Die etwa von der deutschen Brancheninitiative licht.de beschriebenen Planungsleitlinien betonen, dass HCL nicht ein „Zusatzfeature“ konventioneller Beleuchtung ist, sondern eine ganzheitliche Methode der Lichtgestaltung. Ziel ist es, Lichtverhältnisse zu schaffen, die Tagesstruktur, Leistungsfähigkeit und Wohlbefinden langfristig unterstützen.
Horizontale & vertikale Beleuchtung
Zentral für die technische Umsetzung ist die Unterscheidung zwischen horizontalen und vertikalen Beleuchtungsstärken. Während horizontale Werte vor allem die Sehaufgabe abdecken, ist für die biologische Wirkung die vertikale Beleuchtungsstärke am Auge maßgeblich. Der Bereich zwischen etwa -15° und +45° um die Blickrichtung ist hierbei besonders relevant, weil Rezeptoren für die melanopische Lichtwirkung in diesem Sichtfeldabschnitt am empfindlichsten reagieren. Großflächige Lichtverteilungen über Decken- oder Wandaufhellungen sind daher wirkungsvoller als punktuelle Strahler.
In der Praxis bedeutet dies: HCL-Leuchten werden nicht nur nach Leuchtenlichtstrom oder UGR-Werten ausgewählt, sondern nach ihrem Spektrum und dem Verhältnis von photopischer zu melanopischer Wirksamkeit. Die DIN SPEC 5031-100 sowie die DIN SPEC 67600 liefern Orientierungswerte, beispielsweise zur Umrechnung von Beleuchtungsstärken in melanopisch wirksame Werte. So kann etwa ein kaltweißes LED-Licht mit 6.500 K bei 300 lx vertikaler Beleuchtungsstärke eine ähnliche biologische Wirkung erzeugen wie 380 lx einer neutralweißen 4.000-K-Beleuchtung.
Tagesverlauf als Leitmotiv
Der Tagesverlauf bildet das Leitmotiv der Lichtsteuerung. Am Vormittag werden höhere Blauanteile und höhere vertikale Beleuchtungsstärken eingesetzt, um Aktivität und Konzentration zu fördern. Gegen Abend werden Beleuchtungsstärke und Farbtemperatur reduziert, um die Melatoninproduktion nicht zu hemmen. Diese Dynamik lässt sich nur mit einem geeigneten Light Management System (LMS) zuverlässig abbilden. Die Steuerung erfolgt zeit- oder sensorbasiert, kann aber um manuelle Eingriffsmöglichkeiten ergänzt werden. Entscheidend ist, dass der automatische Ablauf verständlich und nachvollziehbar bleibt.
Für Elektriker bedeutet dies in der Umsetzung, dass Leuchten, Treiber, Sensorik und Steuergeräte systemkompatibel geplant und dokumentiert werden müssen. Die Verkabelung und Netzwerkintegration unterscheiden sich je nach Steuerungsplattform: kabelgebundene DALI-Systeme, Funklösungen wie ZigBee oder Bluetooth Mesh sowie hybrid ausgelegte Systeme sind verbreitet. Die Inbetriebnahme umfasst das Einmessen der Szenenverläufe, die Funktionsprüfung und die Erstellung eines Nutzerinformationsblattes, welches die Bedienlogik verständlich darstellt.
Beispiel aus der Praxis
Ein praxisnahes Beispiel liefert etwa die HCL-Umsetzung von Ledvance in einem fensterlosen Meetingraum. Ziel war es hier, einen Raum ohne Tageslicht so zu beleuchten, dass Wohlbefinden und Aufmerksamkeit während Besprechungen unterstützt werden. Zum Einsatz kam ein BIOLUX HCL Controller, der Leuchten mit ZigBee-Treibern ansteuert und über eine App konfiguriert wird. Die Steuerung folgt einem tageslichtähnlichen Verlauf, kann aber jederzeit manuell über fünf definierte Lichtmodi angepasst werden. Die Vorteile liegen in der biologischen Unterstützung des circadianen Rhythmus, einer energieeffizienten Sensorsteuerung sowie hoher Nutzerakzeptanz durch einfache Bedienbarkei.

Das Beispiel zeigt, dass HCL nicht nur in Großprojekten, sondern auch in kleineren Anwendungsfällen sinnvoll realisierbar ist, sofern Planung und Systemauswahl konsistent erfolgen. Entscheidend ist, dass die Beleuchtung nicht nur technisch funktioniert, sondern im Betrieb auch so genutzt wird, wie sie gedacht ist. Daher gehört zur HCL-Planung immer eine Nutzerunterweisung. Diese umfasst die Erklärung der Szenenlogik, mögliche manuelle Eingriffe und Hinweise, wie künstliches und natürliches Licht sich gegenseitig ergänzen.
Schließlich ist der Betrieb ein wesentlicher Bestandteil des Gesamtkonzeptes. Dynamische Lichtsysteme benötigen regelmäßige Überprüfung der Steuerfunktionen, Wartung der Leuchten und gegebenenfalls Anpassung an veränderte Nutzungsbedingungen. HCL-Systeme sind nur dann wirksam, wenn der geplante Lichtverlauf dauerhaft eingehalten wird.
Eines wird damit ebenfalls deutlich: HCL ist kein einzelnes Produkt, sondern ein Planungs- und Betriebsansatz. Der Erfolg hängt davon ab, wie gründlich die Bedürfnisse des Raumes und seiner Nutzer analysiert, wie systematisch das Lichtmanagement ausgelegt und wie konsequent die Anlage über die gesamte Lebensdauer betrieben wird.
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