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Neujahrs-PK: Handel präsentiert 5 Forderungen und Fair-Play-Agenda

Redaktion ELEKTRO|branche.at von Redaktion ELEKTRO|branche.at
16. Januar 2026
in Branche
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Neujahrs-PK: Handel präsentiert 5 Forderungen und Fair-Play-Agenda

© Handelsverband/APA-Fotoservice/Hörmandinger

Sechs Krisenjahre hat der österreichische Handel hinter sich gebracht. Zeit, Bilanz zu ziehen. Daher haben am 15. Jänner führende Branchenvertreter:innen im Rahmen der traditionellen HV-Neujahrs-Pressekonferenz des Handelsverbands den Status Quo des heimischen Handels dargelegt.

„Österreichs Handel steht am Scheideweg. Die Eurozone ist 2025 dreimal so schnell gewachsen wie wir, der heimische Handel hingegen musste das dritte Rekordpleitejahr in Folge verkraften. Österreich verliert jeden Tag Händler – und wundert sich über leere Schaufenster“, sagt Rainer Will, Geschäftsführer des freien, überparteilichen Handelsverbandes. „Wir begrüßen, dass die Bundesregierung die Zeichen der Zeit erkannt und gestern im Zuge der Regierungsklausur eine Halbierung der Mehrwertsteuer auf Grundnahrungsmittel sowie eine nationale Paketgebühr für Drittstaaten-Lieferungen angekündigt hat. Nun zählt der Vollzug.“

Einzelhandel: Jahresumsatz 2025 auf 79,8 Milliarden Euro prognostiziert

Der regionale Handel ist der Beschäftigungs- und Wirtschaftsmotor der Republik. Die Händler stellen ein Viertel aller Betriebe, sie sind größter privater Arbeitgeber und umsatzstärkster Wirtschaftsbereich des Landes. Im Gesamtjahr 2025 konnten die heimischen Einzelhändler laut WIFO-Prognose einen Umsatz von 79,8 Milliarden Euro erwirtschaften. Inflationsbereinigt (real) entspricht das einem leichten Umsatzplus von 1,0 % gegenüber 2024.

Handel kämpft mit 23 Insolvenzen pro Woche

Laut aktueller KSV1870-Hochrechnung verzeichnete der Handel 2025 mit 1.208 Firmenpleiten (+4 %) die meisten Insolvenzen aller Branchen. Das sind 23 Insolvenzen pro Woche im dritten Rekordpleitejahr in Folge. Eine stark gestiegene Kostenbelastung für Mieten, Personal, Energie und Logistik vs. stagnierende Umsätze – das ist zurzeit die Realität in fast jedem Handelsbetrieb. Hinzu kommt der „Regulierungs-Overkill“ in Österreich. Der Reformstau und die Bürokratie behindern die Wettbewerbsfähigkeit und belasten die Firmen.

Änderung des Preisauszeichnungsgesetzes

Mit den jüngsten Änderungen des Preisauszeichnungsgesetzes hat die Bundesregierung aus Branchensicht endgültig den Vogel abgeschlossen. Immerhin führt die Regelung, wonach der Grundpreis mind. 50 % der Schriftgröße des Verkaufspreises aufweisen muss, in der Praxis zu einer schlechteren Sichtbarkeit am Preisschild. Dies erschwert faktisch den Preisvergleich für Konsument:innen – eine Verschlimmbesserung par excellence.

Österreich rutscht bei Wettbewerbsfähigkeit ab

Im Ranking der Lausanner Wirtschaftshochschule IMD ist Österreich in den letzten fünf Jahren bei der Wettbewerbsfähigkeit vom 16. Platz weltweit auf den 26. Platz zurückgefallen. Besonders schlecht schneidet unser Land u.a. bei der wirtschaftlichen Entwicklung und der Regierungseffizienz ab – mit jeweils Rang 40. In der Kategorie „Steuerpolitik“ liegt Österreich gar nur auf Platz 64 (von 69 Ländern).

1. Forderung: Amtsschimmel ade. Halbierung der Bürokratiebelastung bis 2035.

Ein Beleg für den Stillstand ist der Index of Economic Freedom der Heritage Foundation. Österreich belegt in der jüngsten Ausgabe nur noch Platz 32, hinter Ländern wie Uruguay, Botswana oder Mauritius. Erschwerend kommt hinzu: Österreich ist im EU-Vergleich das Land mit den wenigsten Unternehmensgründungen. Handelsnahe Startups, digitale Dienstleister und neue Vertriebsformen entstehen zu selten in Österreich. Traditionsbetriebe verschwinden – Nachfolger fehlen. Dadurch gehen Jobs und die regionale Versorgung Stück für Stück verloren.

„Österreich verliert an Wertschöpfung, Know-how und Gestaltungsmacht über die eigene Handelslandschaft. Daher brauchen wir dringend eine Händleroffensive der Bundesregierung, die eine Halbierung der Bürokratiebelastung bis 2035, eine strukturelle Entlastung zur Stärkung der Betriebe sowie Erleichterungen von Unternehmensgründungen umfasst. Das würde auch zum Erhalt unserer Stadt- und Ortskerne beitragen“, erläutert SPORT 2000-Geschäftsführerin Irina Andorfer.

Irina Andorfer
Irina Andorfer. © Handelsverband/APA-Fotoservice/Hörmandinger

Wir fordern als konkreten Schritt die Erhöhung der Schwellenwerte bei Statistik- und Meldepflichten wie Intrastat. Aktuell ist jeder Mehrwertsteuerpflichtige zu einer Intrastat-Meldung an die Statistik Austria verpflichtet, wenn der Schwellenwert von 1,1 Millionen Euro bei Warenlieferungen innerhalb der EU überschritten wird. Ein massiver Bürokratieaufwand insbesondere für KMU-Händler und Familienunternehmen.

Irina Andorfer

Auch die Lage aus Konsumentensicht ist nach wie vor schwierig. Ein entscheidender Faktor ist die zu hohe Inflation. Während die Inflationsrate in der Eurozone das von der Zentralbank anvisierte Zielniveau von 2,0 % erreicht hat, liegen wir in Österreich immer noch doppelt so hoch. 2025 verzeichnete Österreich in jedem einzelnen Monat eine deutlich höhere Inflation als der EU-Schnitt.

Inflationsentwicklung: Österreich liegt weiterhin deutlich über dem EU-Schnitt

„Vor allem die hohen Energiekosten schaden unserer Volkswirtschaft in allen Stufen der Wertschöpfungskette. Das beginnt bei der landwirtschaftlichen Erzeugung, setzt sich fort in der energieintensiven Weiterverarbeitung, im Transport und in der Lagerung und reicht bis zum Betrieb der Filialen. Österreich weist heute die zweithöchsten Netzentgelte Europas auf. Strom hat sich hierzulande von 2020 bis 2025 um 59 % verteuert, Erdgas um 128 %. Die teuren Strompreise wirken sich auch negativ auf die Kauflaune der Österreicher:innen im Handel aus“, bestätigt Thalia-Österreich-Geschäftsführerin Andrea Heumann.

Mitte Dezember wurde das Günstiger-Strom-Gesetz mit dem neuen Elektrizitätswirtschaftsgesetz beschlossen, um einen neuen Rechtsrahmen für den Strommarkt zu schaffen und die Rechte der Endkunden zu stärken. Das allein reicht aber nicht. E-Control und Bundeswettbewerbsbehörde haben in ihrer „Taskforce“ klar den eingeschränkten Wettbewerb zwischen den gegenseitig aneinander beteiligten heimischen Energieversorgungsunternehmen als eine der Hauptursachen für die hohen Energiekosten in Österreich identifiziert.

2. Forderung: Inflationsbekämpfung. Kreuzbeteiligungen im Energiesektor auflösen.

„Wer die Teuerung stoppen will, muss bei den Energiekosten ansetzen. Der Energiemarkt ist liberalisiert wie ein Kreisverkehr mit Schranken. Solange hier teilstaatliche Oligopole und Kreuzbeteiligungen bestehen, werden Konsument:innen und Betriebe die Leidtragenden bleiben. Der Handel unterstützt daher die Forderung der BWB nach einer Auflösung der Kreuzbeteiligungen im Energiesektor. Dadurch könnte die Marktmacht einzelner Anbieter verringert werden“, so Heumann.

Hohe Lohnnebenkosten machen Einstellungen unattraktiv, Senkung sollte zeitnah kommen

Zumindest der Personalmangel hat sich im Vorjahr etwas entspannt, der Einzelhandel bietet allerdings nach wie vor rund 9.200 offene Stellen an. Doch weiterhin wird der Faktor Arbeit in Österreich im Vergleich zu anderen EU-Ländern viel zu stark besteuert. Österreich zählt zu den Ländern mit den höchsten Arbeitskosten weltweit, die durchschnittlichen Kosten belaufen sich pro Arbeitnehmer:in auf fast 80.000 Euro im Jahr. Nur wenige Länder wie die Schweiz, Dänemark oder Luxemburg liegen noch darüber.

3. Forderung: Arbeitsanreize statt Abgabenkaisertum. Leistung muss sich lohnen.

„Wir fordern von der Bundesregierung eine umfassende Arbeitsmarktreform. Eine Abflachung der Steuerprogression ist notwendig, um den Trend zur Teilzeitgesellschaft zu stoppen. Wer von 20 auf 30 Stunden aufstockt, soll auch netto mehr bekommen als nur 32,4 Prozent. Wenn eine Mitarbeiterin bei 38,5 Stunden rund 2 Euro netto pro Stunde weniger verdient als bei 20 Stunden, dann ist das einfach nicht attraktiv. Es muss sich lohnen, mehr zu arbeiten“, sagt Andrea Hiotu, Mitglied der Geschäftsleitung von dm Österreich.

„Darüber hinaus empfehlen wir eine substanzielle Senkung der Lohnnebenkosten in Etappen bis 2035. Erfreulicherweise wurde uns dies gestern auch von der Bundesregierung in Aussicht gestellt. Von einer Senkung der Lohnnebenkosten würden alle profitieren. Arbeitgeber werden wieder konkurrenzfähiger und können in Menschen und Innovation investieren. Dies schafft mehr Arbeitsplätze und eine bessere Qualifikation der Menschen, was allen zugutekommt“, so Hiotu.

Gutschi - Hiotu - Heumann
© Handelsverband/APA-Fotoservice/Hörmandinger

eCommerce-Paketvolumen steigt auf 430 Millionen: Ein Viertel davon kommt aus China

Im Onlinehandel ist die Zahl der aktiven heimischen Webshops im Vorjahr auf über 12.000 gestiegen. Der eCommerce ist also wieder auf der wirtschaftlichen Überholspur, allerdings fließt ein Großteil der Umsätze ins Ausland. 2025 ist das Paketvolumen hierzulande auf 430 Millionen angestiegen, ein Plus von 8 %. Bis zu 80 % der Pakete kommen mittlerweile aus anderen EU-Ländern bzw. Drittstaaten nach Österreich. Ein Viertel – über 100 Millionen Pakete – stammen allein aus China.

„Laut EU-Kommission wurden 2024 insgesamt 4,6 Milliarden Artikel zollfrei in die Union importiert, davon 91 % aus China. Für 2025 gehen wir von mehr als 5 Milliarden Artikeln aus. Zeitgleich werden europäische Händler mit Richtlinien, Bürokratie und Auflagen geknebelt ohne Ende, rechtlich gefesselt und müssen 10 Prozent ihrer Beschäftigten für Bürokratie abstellen. Die Hilflosigkeit in Brüssel ist unfassbar und untragbar. Es grenzt an unterlassener Hilfeleistung für den heimischen Handel. Die angekündigte Paketabgabe auf nationaler Ebene ist ein guter Schritt, der dringend vollzogen werden muss“, so OTTO Austria-Geschäftsführer Harald Gutschi.

4. Forderung: Fair Play statt Fernost-Freifahrtschein. Plattform-Haftung umsetzen.

„Es braucht mehr Fair Play im europäischen eCommerce sowie eine gerechte Besteuerung, damit für die digitalen Giganten dieselben Regeln gelten wie für den Händler ums Eck. Der neue 3-Euro-Pauschalzoll auf Sendungen aus Drittstaaten ab Juli 2026 ist ein wichtiger erster Schritt, reicht aber bei weitem nicht. Die EU-Zollreform muss beschleunigt werden, der Zeitplan mit 2028 ist viel zu langsam. Die 150-Euro-Zollfreigrenze muss noch heuer fallen“, sagt Gutschi.

Positiv bewertet der Handel daher die gestrige Ankündigung der Bundesregierung, eine nationale Paketgebühr auf Lieferungen aus Drittstaaten wie China einzuführen. Diese Gebühr soll zusätzlich zum pauschalen 3-Euro-Zoll der EU kommen.

Fair Play statt Fernost-Freifahrtschein
© Handelsverband/APA-Fotoservice/Hörmandinger

Österreich zählt weltweit zu den Top 10 der innovationsfähigsten Volkswirtschaften

Wer international nicht den Anschluss verlieren will, muss innovativ sein. Laut Innovationsindikator 2025 von Roland Berger zählen wir nach wie vor zu den Top 10 der innovationsfähigsten Volkswirtschaften der Welt. Gerade der Handel war schon immer eine der innovativsten Branchen. Die letzte HV-Händlerbefragung hat ergeben, dass bereits 62 % der österreichischen Händler KI-Tools in ausgewählten Bereichen im Einsatz haben. Vor einem Jahr waren es erst 37 %. Generative AI könnte das jährliche Bruttoinlandsprodukt Österreichs laut einer Studie von Google in zehn Jahren um bis zu 40 Mrd. Euro steigern.

5. Forderung: KI intelligent nutzen. EU-Kapitalmarkt vervierfachen. Technologie braucht Kapital.

Disruptive Technologien wie Generative AI sind entscheidend, um unsere Produktivität zu steigern, Cyberangriffe abzuwehren und kundenorientierte Services zu entwickeln, die das Einkaufserlebnis verbessern. Wir müssen aber auch den Innovationsgeist fördern, indem konkrete Pilotprojekte bis zur Marktüberleitung unterstützt und die Technikaffinität sowie der Know-how-Transfer in der Branche gesteigert werden.

„Absolute Grundvoraussetzung dafür ist ein Ausbau des europäischen Kapitalmarkts. Aktuell ist dieser viermal kleiner als jener in den USA. Unser langfristiges Ziel muss es sein, hier gleichzuziehen“, so Rainer Will.

Ausblick 2026: Jüngste Ankündigungen aus der Regierungsklausur stimmen zuversichtlich

Fazit: Österreich hat sechs verlorene Jahre hinter sich. Das reale BIP pro Kopf lag 2025 laut WIFO um 3 % unter dem Stand von 2019. Wirtschaftswachstum ist kein Selbstzweck, aber ohne Wachstum werden wir unseren Wohlfahrtsstaat bald nicht mehr finanzieren können. Eines ist aber auch völlig klar: Österreich muss sein Budget konsolidieren. Nicht nur der Bund muss seine Ausgaben reduzieren, auch die Länder müssen sparsamer mit ihrem Geld umgehen. Die Schulden von heute sind die Steuern von morgen – und Steuern gibt es in Österreich bereits mehr als genug.

2026 haben wir die Chance, den wirtschaftlichen Turbo anzuwerfen. Dafür muss Schluss sein mit der überbordenden Bürokratie. Es braucht einen sofortigen Belastungsstopp von kostenproduzierenden, unsinnigen Vorschriften. Die jüngsten Ankündigungen aus der Regierungsklausur zeigen, dass der Umsetzungswille vorhanden ist. Wir hoffen auf weitere große politische Würfe. Wir müssen an der Wurzel ansetzen. Die hohen Energiekosten sind der Brandbeschleuniger der Inflation. Sie sind die unsichtbare Steuer auf jeden Einkauf.

Rainer Will

Die Gegenfinanzierung soll durch Einsparungen im staatlichen und föderalen System erfolgen, durch eine Ausweitung der Anzahl jener, die einer Arbeit nachgehen (mehr Steuerbeiträge, da durch eine sinkende Belastung des Faktors Arbeit die Bereitschaft steigt, mehr zu arbeiten), durch mehr Disziplin und Transparenz bei künftigen Förderungen (keine Gießkanne), sowie durch die Schließung von Steuerschlupflöchern für Fernost-Plattformen bzw. die Bekämpfung des Vollzugsdefizits auf nationaler und europäischer Ebene.

Für das Gesamtjahr 2026 rechnen immerhin 45 % der heimischen Händler damit, einen Gewinn zu erwirtschaften. 20 % gehen von einem Verlust aus und 35 % von einem ausgeglichenen Ergebnis. Hoffnungsvoll stimmt uns, dass die Sparquote ihren Zenit mit knapp 12 % erreicht haben dürfte.

Tags: EinzelhandelHandelsverbandUmsatzWIFO
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